Moses, Begründer des Prophetentums

Wer ist ein Prophet und wer nicht? Dieses Frage ist immer aktuell, wenn sich Menschen als solche ausgeben. Auch wenn es schon vor Moses Propheten gab, so war er doch der erste, der einen klare Legitimation von Gott hatte und der klar als Vorbild für künftige Propheten genannt wurde. An ihm müssen sich alle Propheten messen lassen. Es ist wichtig, gerade heute, wo wieder Menschen aufstehen und behaupten Propheten zu sein, zu begreifen, wer ein Prophet des HERRN ist und wer sich dieses Amt nur anmaßt.

Das Thema des Mittlers wird im Deut. Kap. 18:9-22 aufgegriffen. Die Zeit des Moses geht ja zu
Ende und so ist die Zusicherung höchst aktuell:

5. Mose 18:9 Wenn du in das Land kommst, das der Herr, dein Gott, dir gibt, so sollst du nicht lernen, nach den Greueln jener Heidenvölker zu handeln. 10 Es soll niemand unter dir gefunden werden, der seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer gehen läßt, oder einer, der Wahrsagerei betreibt oder Zeichendeuterei oder ein Beschwörer oder ein Zauberer, 11 oder einer, der Geister bannt, oder ein Geisterbefrager, oder ein Hellseher oder jemand, der sich an die Toten wendet. 12 Denn wer so etwas tut, ist dem Herrn ein Greuel, und um solcher Greuel willen vertreibt der Herr, dein Gott, sie vor dir aus ihrem Besitz.

13 Du aber sollst dich ganz an den Herrn, deinen Gott, halten; 14 denn diese Heidenvölker, die du aus ihrem Besitz vertreiben sollst, hören auf Zeichendeuter und Wahrsager; dir aber erlaubt der Herr, dein Gott, so etwas nicht.

15 Einen Propheten wie mich wird dir der Herr, dein Gott, erwecken aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern; auf ihn sollst du hören! 16 Ganz so wie du es von dem Herrn, deinem Gott, am Horeb erbeten hast am Tag der Versammlung, indem du sprachst: Ich will von nun an die Stimme des Herrn, meines Gottes, nicht mehr hören und das große Feuer nicht mehr sehen, damit ich nicht sterbe! 17 Und der Herr sprach zu mir: Sie haben recht geredet. 18 Ich will ihnen einen Propheten, wie du es bist, aus der Mitte ihrer Brüder erwecken und meine Worte in seinen Mund legen; der soll alles zu ihnen reden, was ich ihm gebieten werde. 19 Und es wird geschehen, wer auf meine Worte nicht hören will, die er in meinem Namen reden wird, von dem will ich es fordern!

20 Doch der Prophet, der so vermessen ist, in meinem Namen zu reden, was ich ihm nicht zu reden geboten habe, oder der im Namen anderer Götter redet, jener Prophet soll sterben! 21 Wenn du aber in deinem Herzen sprichst: »Woran können wir das Wort erkennen, das der Herr nicht geredet hat?«, [dann sollst du wissen:] 22 Wenn der Prophet im Namen des Herrn redet, und jenes Wort geschieht nicht und trifft nicht ein, so ist es ein Wort, das der Herr nicht geredet hat; der Prophet hat aus Vermessenheit geredet, du sollst dich vor ihm nicht fürchten!

 

Das Volk ist also abhängig davon, Gottes Weisungen zu erfahren und der Prophet hat genau diese Aufgabe,
das Wort Gottes zu empfangen und dem Volk weiter zu geben. Man fragt sich, warum denn der Priester
nicht diese Mittlerrolle übernimmt. Der Grund mag sein, dem Priester nicht die ganze Macht, die
zweifellos mit jedem Amt verbunden ist, aufzuerlegen. Der Priester vertritt das Volk vor Gott, mit seinen
Opferdiensten und Gebeten. Der Prophet aber vertritt Gott vor dem Volk, indem er ihm den Willen Gottes
kundtut. Der Priester, zumal der im Heiligtum dienende, braucht auch alle Kräfte, um den sicher nicht
einfachen Gottesdienst zu versehen. Der normale Levit aber war wie ein Lehrer, der in das Volk
hineinging, das Gesetz lehrte und die Menschen dazu anhielt, es zu befolgen, mit all den notwendigen
Opfern, Sabbaten und Festtagen. Wie leicht könnte das zu einer toten Orthodoxie führen in einer Art
Betriebsblindheit des Kultes. Deshalb war das Prophetentum ein eigenes Amt mit einer eigenen Aufgabe.
Ein Prophet konnte auch aus anderen Stämmen kommen als dem levitischen. Er konnte auch ein Priester,
sein, ebenso wie ein Richter, er konnte aber auch ein ganz gewöhnlicher Israelit sein, ein Mann oder auch
eine Frau (was selten vorkam), denn ein Prophet wurde vom Herrn »erweckt«. Er wurde von Gott selbst
erwählt und aus dem Volk herausgehoben, das ist die eigentliche Bedeutung des Wortes Erweckt.
V 15 wird meistens sofort messianisch gedeutet. Das ist auch richtig so, denn im vollen Ausmaß des
Prophetenamtes wie das bei Moses war, in der ganzen Machtfülle, die damit verbunden war, werden nur
wenige Propheten erscheinen. Auch stimmt die Typologie nur beim Messias. Moses befreite sein Volk von
der Skalverei in Ägypten. Der Messias wird die Menschheit erlösen aus der Sklaverei der Sünde, denken
wir an die erste messianische Verheißung in Gen. 3:15. Dennoch müssen aber an dieser Aussage alle
künftigen Propheten Israels gemessen werden. Moses begründet das israelitische Prophetentum, das es bis
dahin so nicht gab. Propheten gab es aber schon immer, der erste war Henoch (vgl. Gen. 5:22 und Judas
14). Noah weissagte ebenso wie Abraham, Isaak und Jakob es taten. Der größte und wirkungsvollste aber
vor Moses war Josef gewesen. Seine Traumdeutungen veränderten die ganze damalige Welt und verhalfen
Ägypten zu einer bis dahin beispiellosen Macht.
Doch nun war mit der Erwählung des Volkes und seiner Einsetzung als Volk Gottes durch den
Gesetzesbund das Prophetenamt zu etwas zielgerichtetem geworden, das sich an dem Schicksal Israels
orientierte. Die Aussagen der Propheten waren Lob und Tadel, Ankündigungen von Gericht und Gnade,
aber immer Kommentierungen des tatsächlichen Schicksal Israels. Es ging auch in den Weissagungen nicht
mehr allein um die Zukunft, sondern ebenso um die Aufarbeitung der Vergangenheit und Gegenwart des
Volkes. Das war ihr Dienst, mit dem Ziel, das Volk im vollen Bewusstsein seiner Erwählung zu halten. Sie
würden aktuelle Ereignisse analytisch kommentieren und Abweichungen aufzeigen, oder Ermutigungen
aussprechen, wenn das Volk bedrängt wird. Und dann natürlich, würden die Propheten auch sagen, wie es
in der Zukunft weitergehen sollte. Denn die Zukunftserwartung ist die Quelle der Hoffnung und die durfte
Israel auch dann nicht verlieren, wenn es wegen seines Ungehorsams ein Gericht durchlaufen musste.
Wegen dieser ungeheuer wichtigen Aufgabe des Prophetentums waren Abgrenzungen gegenüber
heidnischen Wahrsagern und selbsternannten Propheten des Herrn notwendig. Ein Wahrsager (hebr.: sha’al
= Frager) ist ein Götzenbefrager, der mit Hilfe eines Orakels, oder mittels Deutung von Zeichen, Antwort
bekommt. Diese Antworten sind meistens mehrdeutig, daher ist die Trefferquote doch recht beachtlich,
selbst wenn sie bei 50% lag. Bei einer entsprechenden Formulierung die darauf hinausläuft dass etwas
entweder geschieht, oder nicht, war diese Quote auf jeden Fall zu erreichen, und mit etwas Intelligenz,
über die ein Wahrsager zweifellos verfügte, war sie sogar weit zu übertreffen, denn die Einschätzung von
Wahrscheinlichkeiten gehört zu den normalen Fähigkeiten eines Menschen und nicht zu den Paranormalen.
Der Kult aber war dann das Entscheidende, er bestimmte, wie die Manipulation aufgefasst wurde. Der
normale gute Rat wurde plötzlich zum Wink der Götter. Dieses in allen Kulturen beliebte Spiel ist aber
eines Propheten des Herrn unwürdig.
Dieser hat die Aufgabe Gottes Wort direkt zu empfangen und es unzweideutig und unverfälscht
wiederzugeben. Die Geschichte musste dieses Wort eindeutig bestätigen, wollte der Prophet als solcher
anerkannt werden.
»Ich will meine Worte in seinen Mund geben«
(18:18), war eine große Herausforderung für
den Redner und den Hörer. Von dem der es hört aber nicht ernst nimmt, fordert Gott Rechenschaft (18:19).
Wenn aber irgendjemand im Namen des Herrn spricht und gar kein Prophet ist, sondern sich nur als
solchen ausgibt, der soll sterben. Das Kriterium ist hart: nicht 50 % oder 70% soll die Quote sein, sondern
100%.
Dass es falsche Propheten geben wird ist leicht vorauszusehen, dazu braucht man noch kein Prophet zu
sein. In Kap 13:1-6 wird diese Möglichkeit deutlich angesprochen und sogar gesagt, dass es denkbar ist,
dass falsche Propheten mit Zeichen und Wunder auftreten. Die Wunder aber legitimieren einen Propheten
noch nicht automatisch. Neben der Vorhersage und dem Eintreffen, kommt es auch auf den Inhalt der
Botschaft an. Die Zielvorgabe ist doch dem Volk zu helfen, dass es bei seinem Gott bleibt und ihn von
ganzem Herzen liebt (13:4). Ist dies nicht aus den Worten des Propheten zu entnehmen, oder zeigt die
Botschaft des Propheten eine andere Zielrichtung und sind seine Worte sogar noch dazu angetan, das
Gegenteil zu erreichen und das Volk dem Herrn abspenstig zu machen, dann gibt es keine Legitimation für
einen Propheten, auch nicht die des Wunders. Eine als falscher Prophet erkannte Person aber muss sterben
(13:6). Die Härte der Strafe ist der Höhe der Verantwortung entsprechend. Wir haben heute keinen Auftrag
mehr, falsche Propheten hinzurichten. Aber wir sollten doch nach wie vor ernst nehmen, dass ein falscher
Prophet zu meiden ist und sie nach den gleichen Kriterien beurteilen, die Moses hier festgelegt hat. Die
christliche Methode damit umzugehen ist aber anders. Im 3. Joh. 10 rät der Apostel der Liebe, einen
Irrlehrer zu meiden, ihn nicht ins Haus zu lassen und nicht zu grüßen. Das ist wohl eine Umschreibung,
gemäß der damaligen Sitte, nicht mit ihm zu diskutieren. Denn in der Antike war eine Begrüßung immer
mit einem lebhaften Meinungsaustausch verbunden. Es geht also nicht darum unhöflich zu sein, sondern
den Irrlehrer soweit zu ignorieren, dass ihm die Möglichkeit der Einflussnahme genommen wurde.

 

 

xmlns:og="http://ogp.me/ns#" xmlns:fb="http://www.facebook.com/2008/fbml"