Jerusalem versus Babylon bei Jesaja

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus meinem Skriptum »Jesaja, die Sprache der Propheten«. Das ganze Skript kann gegen eine Schutzgebühr von 5 Euro bestellt werden.

Jerusalem und Babylon – Die Geschichte beider Städte

Jerusalem ist die am häufigsten erwähnte Stadt der Bibel (771 mal). An zweiter Stelle steht Babylon (259 mal, im AT nur Babel genannt). Wenn wir die Geschichte dieser beiden Städte betrachten, dann wird uns bald klar, dass diese in einer geistlichen Konkurrenz zueinander stehen.

Babylon wird zuerst erwähnt. In 1. Mose 10:8-10 wird Nimrod als ihr Gründer genannt. Dieser war »der erste, der Macht gewann« heißt es da. Das ist sehr bedeutend, denn lange Zeit waren große befestigte Städte die einzigen Machtzentren. Mit Babylon begann also die Zeit, in der Menschen über Menschen herrschten. Die Konkurrenz der Städte zueinander trieb ihre ständige Weiterentwicklung an und war die Ursache vieler Kriege des Altertums. Schließlich wurde die Metropole gesucht, die Stadt der Städte, auf die sich die Weltherrschaft konzentrieren sollte. Das war nun das Motiv des Turmbaus zu Babel, der in 1. Mose 11:1-9 beschrieben ist. An dieser Stelle erhielt die Stadt auch ihren Namen, der übersetzt Verwirrung heißt, »weil der Herr dort die Sprache der Menschheit verwirrt hatte und die Völker sich wieder zu zerstreuen begannen«. Die Bewohner von Babel sprachen aber von der »Pforte der Götter« und der spätere Name Babylon bedeutet genau das: (griech) »bab-ilani«.
Was aber damals von diesem Wahrzeichen menschlicher Überheblichkeit blieb, war nur der Mythos des Vorhabens und man kann sagen, dass Babylon seither für das Bestreben steht, die Welt zu beherrschen. Eine kulturelle Meisterleistung sollte dazu einst den Weg ebnen und viele große Herrscher versuchten sich seither auch in dieser Kunst. Zur Zeit Abrahams war Babel dennoch die beherrschende Macht im vorderen Orient, unter dem König Hamurabi, wie zahlreiche Keilschriften belegen. Auch Abrahams Heimatstadt Ur in Chaldäa gehörte zu seinem Herrschaftsbereich und Abraham musste diese verlassen, um Gott in der Fremde zu folgen, denn Babylon war auch das Zentrum des Götzenkultes. Im Gegensatz zu El, den einen Schöpfer Himmels und der Erde, den Abraham verehrte, stand der babylonische Baal, die Vorstellung von mehreren Göttern (Baalim) die in verschiedenen Naturerscheinungen verehrt wurden.


Jerusalems Beginn und Entwicklung ist bescheidener. Wir finden seine erste Erwähnung bei Abraham, nachdem er seinen Neffen Lot aus der Gefangenschaft rettete (1. Mose 14). Der Sieg des Nomaden über den König eines Volkes, war so aufsehenerregend, dass sich bei ihm sowohl der König von Sodom, als auch der König von Salem einfand. Das spätere Schicksal der Sodomiter ist bekannt. Weniger beachtet ist, dass Melchisedek in Salem, dem späteren Jerusalem, als Priesterkönig »Gottes des Höchsten« (El-eljon) regierte (1. Mo. 14:18). Er erwies Abraham die Ehre und segnete ihn. Abraham hingegen bestätigte seine geistliche Zugehörigkeit zu ihm darin, dass er ihm den Zehnten gab (18). Im Hebräerbrief wird nun dieser Melchisedek erwähnt und Christus als Priester dieser Ordnung bezeichnet (Hebr. 7:1-5), also nicht nach der levitischen Ordnung, denn Jesus war ja kein Levit, sondern jüdischer Abstammung aus der davidischen Königslinie. Damit wird deutlich, dass Jerusalem von Anfang an die Stadt des zukünftigen Priesterkönigs, des Messias (Christus) sein sollte, so jedenfalls sah es der Schreiber des Hebräerbriefes und Jesaja scheint das in vielen Aussagen zu bestätigen, wie wir gesehen haben (siehe Gottesknecht). Der Name Salem bedeutete Friede, sie war also vom Anfang an die Stadt des Friedens.
In der Richterzeit hieß sie Jebus, weil darin die Jebusiter wohnten. Erst unter David wurde sie zur Hauptstadt des sich stark ausdehnenden Israels und blieb es fortan. Nun wurde ihr auch neben dem Titel »Davidsstadt«, der Name Jerusalem gegeben, was so viel heißt wie »Gründung des Friedens«. Unter Salomon wurde ihr Tempel gebaut, der fortan der Ort sein sollte, an dem der Name des Herrn verehrt wird und der auch das bisherige Heiligtum, die Stiftshütte, ablöste. Babylon spielte in dieser Zeit keine so große Rolle mehr. Zwar war es noch Hauptstadt des mächtigen Hethiterreiches im Norden, doch das Land Kanaan hatte seit jeher eher unter dem Einfluss Ägyptens gestanden und in der Auseinandersetzung mit regionalen Mächten (Philister, Edomiter etc.). Aber unter David war schließlich das Friedensreich gegründet worden und wahrscheinlich war das auch die Ursache für den endgültigen Namen. Salomos Friedensreich war von Jerusalem aus weltbeherrschend (im Sinne der damaligen bekannten zivilisierten Welt). Er führte die 40 Jahre seiner Herrschaft keine Kriege, es gelang ihm, nur durch Gottes Weisheit die Macht aufrecht zu erhalten, die Gott seinem Vater David gegeben hatte. Kurz sah es so aus, als würde Jerusalem seine Berufung als Friedensmetropole bereits erfüllen, doch leider waren das Volk und seine Könige dieser Berufung nicht gewachsen. Der Niedergang im israelitischen und jüdischen Königtum ist in den Geschichtsbüchern des Alten Testamentes dokumentiert und ebenso das Aufkommen neuer Kriege mit den Feinden des Gottesvolkes. Am Ende dieser Entwicklung steht nun auch das Wiedererstehen Babels als Fallbeil Jerusalems. Das Kommen des Neubabylonischen Reiches durch Nebukadnezar hat nicht nur Jesaja gesehen. Auch Jeremia und Hesekiel haben es vorhergesagt, dass Babel Jerusalem bezwingen wird. Bereits unter den Assyrern war es zum kulturellen Zentrum herangewachsen, das von Assur nicht mehr beherrscht werden konnte und schließlich die Vorherrschaft übernahm. Unter Hiskia bekam Jerusalem durch dieses Ereignis nach dem Tode Sanheribs noch eine Friedenszeit, denn der Stern Assur und Ninive (die spätere Hauptstadt des Assyrerreiches) sank unaufhaltsam und mit Merodach Baladan begann sich das Babylonische Reich zu entwickeln. Hiskias Vertrauensseligkeit gegenüber diesem König wurde aber Jerusalem schließlich dennoch zum Verhängnis (Kap. 39:11-8), da dieser die Schätze Jerusalems offen legte, um damit zu prahlen.
Als Jesaja lebte, war Babylon noch nicht gefestigt. Im Süden war Ägypten unter dem König Tirhaka neu erstarkt und auch die Assyrer konnten sich unter Asar Haddon wieder behaupten. Erst nach der Zeit Manasses und Josias kam es zur großen Auseinandersetzung zwischen den drei Mächten in Karkemisch (605 v. Chr.), in einer großen Schlacht, das der babylonische König Nebukadnezar gegen den inzwischen mit Assur verbündeten Pharao Necho für sich entscheiden konnte. Damit war Babylon für sechs Jahrzehnte auch politisch und militärisch die unangefochtene Metropole.


Die eschatologische Entwicklung Jerusalems und Babylons

Jesaja sah dieses Schicksal der beiden Städte voraus und noch weit weit darüber hinaus. Er muss erkannt haben, dass sich hinter Babylon mehr verbarg als einer der vielen Feinde Israels. Nebukadnezar war ja mit seinem Sieg der Begründer des neubabylonischen Reiches geworden. Diese zweite kulturelle Blüte der Chaldäer wurde aber erst zur Zeit Jeremias Wirklichkeit und unter den aus Jerusalem verschleppten Juden befand sich auch Daniel (Dan. 1), der die Träume des babylonischen Königs deutete und damit Karriere machte. Auch als die Perser mit Hilfe der Meder Babylon überwanden und der Macht der Chaldäer damit ein Ende setzten, war Daniel noch als Prophet tätig und diente ebenso dem Kyrus, von dem Jesaja schon gesprochen hatte. Der Perser Kyrus residierte auch in Babylon (Esra 5:13), das er erobert hatte, während Darius der Meder zur gleichen Zeit in der Festung Susa regierte (19), wo sich auch Daniel zu dieser Zeit aufhielt (Dan. 6:29).  
Von diesen Geschichten wusste Jesaja zwar nichts genaues, aber was er sah war das Ende Babylons und der Chaldäer durch Kyrus und die Neugründung Jerusalems (13:17-29; 44:28). Doch wenn man sich mit den Texten über den Untergang Babylons beschäftigt (Kap. 13; 14; 21:1-10; 47) so gewinnt man den Eindruck, dass damit mehr gemeint ist, als nur die Stadt oder das chaldäische Weltreich. Besonders das Kap. 14 scheint eine Generalabrechnung zu sein mit dem, der hinter allem steht, dem Gegenspieler Gottes. Zwar wird Satan hier nicht erwähnt, aber die Beschreibung seines Untergangs und die Begründung passt ab V7 überhaupt nicht mehr auf einen Menschen. In V12 wird er gar der vom Himmel gefallene Morgenstern (»lichtträger« griech. lucifer) genannt, was an Matth. 4.8 denken lässt, wo Jesus Satan begegnete, der ihm die Reiche der Welt anbot. Tatsächlich scheint es daher bei den Weissagungen des Jesaja über Babylon auch um dieses Endgericht zu gehen, in dem aber Babylon nur die Rolle des Vertreters aller menschlichen Gewaltherrschaft übernimmt und somit endgültig zu einem Symbol wird. Die Stadt selbst erhielt ihre Bedeutung nicht wieder zurück.
Babylon ist nicht wie Sodom und Gomorra an einem einzigen Tag zerstört worden, wie das in 13:19 angedeutet wird. Das historische Babel verlor allmählich seine Bedeutung. Alexander der Große residierte noch kurz in ihr, danach aber wanderten die Bewohner zumeist in das am Tigris gelegene und von den Griechen neu erbaute Seleukia ab. Babel selbst geriet in Vergessenheit, sodass man ihre Überreste erst wieder 1898 im irakischen Kas’r bei Ausgrabungen fand. Dennoch spielte der Name Babylon weiter eine Rolle, denn er war ja zum Synonym für antigöttliche Herrschaft geworden. In 1. Petr. 5:13 grüßt Petrus aus Babylon. Wahrscheinlich befand er sich in dieser Zeit in Rom und gibt somit schon einen Hinweis, dass die damalige Metropole, das Zentrum der Welt, von den ersten Christen Babylon genannt wurde. Aber entscheidend ist, was Johannes in seiner Apokalypse danach geschrieben hat. Die Kap. 18 und 19 beschreiben den Untergang Babylons, das zuvor schon als die große Verführerin der Nationen beschrieben wurde.
Offb 14,8 Und ein anderer, zweiter Engel folgte und sprach: Gefallen, gefallen ist das große Babylon, das mit dem Wein seiner leidenschaftlichen Unzucht alle Nationen getränkt hat.
Die Texte in Jes. und der Offenbarung des Johannes ähneln sich nun in Bezug auf Babylon so sehr, dass dies eine Bestätigung dafür ist, dass auch Jesaja nicht nur vom historischen Babylon, sondern auch vom symbolischen Reich des Antichristen spricht, wenn es, in welcher Form auch immer, als die Hure gerichtet wird und mit ihr praktisch jede antigöttliche kulturelle Einrichtung. Dies aber geschieht, unmittelbar bevor der Messias wiederkommt, der dann als Priesterkönig Jerusalems und das neue Friedensreich gründet, wovon auch am Ende der Offenbarung die Rede ist.
Babylon heute auf eine einzige Stadt zu reduzieren, wie das im Blick auf Rom immer wieder getan wird, ist übertrieben. Eine Auslegung der Offenbarung muss auch berücksichtigen, dass es eben ein historisches Babylon gegeben hat, das zu einem Symbol wurde, das praktisch auf jede Stadt angewendet werden kann, die sich einer antigöttlichen Gewaltherrschaft bedient, um zur Metropole zu werden. Der Beweis dafür ist auch die Ähnlichkeit der Gerichtsbeschreibung und Urteilsbegründung über Tyrus, die wir in Hes. 26 finden. Im Grunde genommen müssen wir abwarten, wie sich die geopolitische Situation darstellen wird, wenn die Zeit des Antichrist gekommen ist (20). Ein Indiz gibt es allerdings dafür, dass es doch wieder Rom sein könnte, wie zur Zeit der Apostel, das ist die Weissagung in Off. 17:9, wo ein Ort mit sieben Hügel genannt wird, während Rom auf sieben Hügel gebaut ist. Jedoch könnte auch das nur darauf hinweisen, dass das zukünftige Reich des Antichristen den gleichen Charakter hat wie das alte römische Reich, das auf sieben Hügeln erbaut wurde, schließlich hat die Zahl sieben in diesem Text ja noch eine andere Bedeutung.

 

Fußnoten:

18 zehn Prozent von Vermögen und Einkommen

19 Die Zusammenhänge zwischen diesen beiden Herrschern sind geschichtlich nicht eindeutig nachweisbar, aber die Bibel berichtet uns, dass beide zur gleichen Zeit regierten, wobei Kyrus sicher der bedeutendere Herrscher war. Er lebte aber nach der Eroberung Babylons nur mehr 9 Jahre, sein Sohn Kambyses herrschte auch nur 16 Jahre und war ständig unterwegs um das Reich gegen Ägypten und Griechenland hin abzusichern und auszuweiten. Erst Darius I, der Nachfolger beider, dürfte das persische Reich alleine regiert und zur historischen Größe gebracht haben. Auch der Ausbau Susas von einer Festung zur Residenzstadt geht auf ihn zurück.

20 Nach Joh. 2:18 kommt DER Antichrist und davor schon viele Antichristen. Das ist auch so bei Babylon. Es gibt DAS Babylon der Offenbarung und es gibt den Geist Babylons, der in vielen Metropolen zu entdecken ist.

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