Mir ist bewusst geworden, dass es tatsächlich nicht so leicht ist, an ein Millennium zu glauben und die Versuchung das Tausendjährige Reich aus der Offenbarung 20 geistlich zu deuten für Theologen recht groß ist. Vom Anfang an passte dieses Reich nämlich in kaum ein theologisches System. Diese Reich, in dem sich all jene alttestamentliche Weissagungen erfüllen sollen, die bisher noch nicht erfüllt worden sind, ist doch ein recht sperriges Ding. Wozu, lautet die Frage, sollte es denn gut sein? Warum sollte es, nachdem Christus wieder gekommen ist, noch einmal eine Zeitspanne von 1000 Jahren geben, in der er sichtbar auf einer Erde regiert, die zwar nicht mehr unter satanischem Einfluss steht, aber in der es dennoch Sünde und Tod gibt? Warum, so fragt man sich, sollte nicht gleich das neue Jerusalem vom Himmel herab kommen, in dem es kein Leid und keine Tränen mehr gibt und der Tod nicht mehr gefunden wird. Der Bräutigam hat doch seine Braut schon, was also ist der Sinn dieses Intermezzos?

Die Beantwortung dieser Frage ist tatsächlich nicht leicht, denn sie kann nicht von der Bibel her im ausreichenden Maße geschehen. Wir können hier nur Vermutungen anstellen, die aber sind in der Theologie natürlich und berechtigterweise verpönt. Andererseits: muss Theologie ein System liefern, das alle Fragen beantwortet und nicht mehr offen bleibt? Eigentlich nicht. Denn wir haben es ja im Gegensatz zur Naturwissenschaft nicht mit einem Gegenstand, nämlich der Natur, zu tun, den wir beliebig lang und ausgiebig betrachten, zerlegen und analysieren können. Und selbst da bleiben genügend Fragen offen, also warum nicht viel mehr in der Theologie, wo wir doch nur das studieren können, was uns Gott von sich selbst geoffenbart hat. Wenn er uns nicht alles sagen will und noch Fragen übrigbleiben, wieso sollten wir uns dann ein theologisches System zurechtbiegen, das scheinbar doch alles beantwortet, wir müssten zwangsläufig in die Irre gehen. Das vergeistigen von biblische Aussagen ohne Notwendigkeit, ist mit recht hermeneutisch verpönt. Nun aber soll es plötzlich eine Ausnahme geben, nur weil wir dann alles besser verstehen würden? Vielleicht ist diese Frage ja wirklich zu unbedeutend, als dass wir darüber streiten wollten. Aber nicht unbedeutend ist es, wie wir generell mit der Schrift umgehen. Denn dieses Beispiel macht sehr leicht Schule und die Vergeistigung auch anderer Aussagen erscheint plötzlich plausibel.

Nein, es gibt keinen Anlass, das Millennium zu leugnen. Es steht in einem Kontext, den wir als Wiederkunft Christi als wesentlichen Inhalt unseres Glaubensbekenntnisses erklärt haben. Diese verstehen wir wörtlich und als historische Weissagung die sich mit Sicherheit erfüllen wird. Also haben wir die Begleiterscheinungen, auch wenn diese in großen Teilen in Bildern geschildert wird, ebenso wörtlich auszulegen. Keineswegs sind die Grenzen zwischen den Bildern, die nötig sind, um uns künftige Ereignisse verständlich zu machen, die uns in ihrer Komplexität nicht anders geschildert werden können, solange sie nicht stattgefunden haben, fließend. Man kann klar unterscheiden, wo es um ein Bild geht und wo um eine konkrete Zahl, ein konkretes Ereignis und überhaupt die Erfüllung prophetischer Weissagungen der konkreten Art, wie wir es auch bei schon erfüllten Weissagungen der Bibel beobachten können. Dazu gehört auch das Millennium, ob wir nun wissen, wozu es gut sein soll oder nicht.

Es gibt in der Offenbarung einen konkreten Hinweis, dass das Geheimnis um die Wiederkunft Christi noch vor seiner Erfüllung gelüftet werden soll. Nämlich in Off. 10:1-4:
Und ich sah einen anderen starken Engel aus dem Himmel herabsteigen, bekleidet mit einer Wolke, und ein Regenbogen war auf seinem Haupt; und sein Angesicht war wie die Sonne und seine Füße wie Feuersäulen.
2 Und er hielt in seiner Hand ein offenes Büchlein; und er setzte seinen rechten Fuß auf das Meer, den linken aber auf die Erde,
3 und er rief mit lauter Stimme, wie ein Löwe brüllt. Und als er gerufen hatte, ließen die sieben Donner ihre Stimmen vernehmen.
4 Und als die sieben Donner ihre Stimmen hatten vernehmen lassen, wollte ich schreiben; da hörte ich eine Stimme aus dem Himmel, die zu mir sprach: Versiegle, was die sieben Donner geredet haben, und schreibe diese Dinge nicht auf!

Ein ganz klarer Hinweis, dass wir nicht alles wissen und auch nicht alles wissen sollen. Wir müssen demütig zur Kenntnis nehmen, dass dieses Wissen nicht für uns ist und in dieser Zeit auch nicht sein wird, denn mit großer Sicherheit ist die Gemeinde bis dahin schon entrückt.

Was also bleibt ist, dass wir ein wenig wissen vom Millennium, aber nicht genug, um darauf eine Theologie aufzubauen. Es zu leugnen, macht aber keinen Sinn und ist zumindest ein Zeichen schlechter Hermeneutik.

 

 

 

 

 

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