Was ist das mit der Ehre? Ganz klar: »Ehre Vater und Mutter«; »Ehre wem Ehre gebührt«; »gebt Gott die Ehre«… Der Begriff ist überwiegend positiv besetzt. Doch irgendetwas im Menschen macht ihn immer wieder auch einmal zur Chimäre. Dann wird sein Ehrgefühl tatsächlich dem eines Ungeheuers aus der griechischen Mythologie ähnlich, das Angst und Schrecken verbreitet obwohl es das Wesen gar nicht gibt. Diese falsche Art der Ehre ist ebenso vielgestaltig wie die antiken Vorbilder. Chimären sind Mischwesen die mehrere Tiere in sich vereinen.

Kopfschüttelnd stehen wir vor dem für uns unfassbaren Verbrechen eines Ehrenmordes und verurteilen diesen Akt. In unseren Augen hat nicht die Tochter die eine in ihrer Familie unübliche Beziehung eingeht die Ehre der Familie verletzt, sondern eher der Vater, oder der Bruder, der diese vermeintliche Schandtat meinte rächen zu müssen. Dabei hat diese Familie doch nur ihre Ehre wieder herstellen wollen, in einer nach der Sitte des Herkunftslandes üblichen Weise. Auch wenn in der alten Heimat diese Tat ebenso verurteilt und geahndet wird wie bei uns und Richter allenfalls Milde, aber nicht Gnade vor Recht walten lassen, so gilt sie doch in der Gesellschaft aus der diese Menschen stammen nicht wirklich als verwerflich. Konservative Geister sehen in der Duldung der Strafe durch den Täter sogar einen heroischen Akt, eben die Ehre der Familie wieder herzustellen und würden das Wort Mord wohl kaum in den Mund nehmen.

 

Doch bei uns gibt es das ja nicht. Wir haben einen anderen Ehrbegriff, einen korrekten. Oder?

Mir ist ein Wort der Heiligen Schrift in den Sinn gekommen und ich zweifle seitdem daran, dass diesbezüglich bei uns alles im Besten und nichts im Argen liegt. Auch wenn wir eher gewohnt sind unsere Ehre auf sozialverträglichere Art und Weise zu verteidigen, so heißt das doch nicht, dass unser Begriff von Ehre frei von Komplexen und falschen Vorstellungen und ist.

Es ist der Text in Johannes 12:37-42, der uns hier Einsicht schenken kann:

Obwohl er aber so viele Zeichen vor ihnen getan hatte, glaubten sie nicht an ihn; damit das Wort des Propheten Jesaja erfüllt würde, das er gesprochen hat: »Herr, wer hat unserer Verkündigung geglaubt, und wem ist der Arm des Herrn geoffenbart worden?«
Darum konnten sie nicht glauben, denn Jesaja hat wiederum gesprochen:
»Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verhärtet, damit sie nicht mit den Augen sehen, noch mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich sie heile«.
Dies sprach Jesaja, als er seine Herrlichkeit sah und von ihm redete.

Doch glaubten sogar von den Obersten viele an ihn, aber wegen der Pharisäer bekannten sie es nicht, damit sie nicht aus der Synagoge ausgeschlossen würden.
Denn die Ehre der Menschen war ihnen lieber als die Ehre Gottes.

 

Dass den Pharisäern und Schriftgelehrten ihr öffentliches Ansehen wichtig war, ist ja bekannt. Sie wollten beim Volk beliebt sein und hoben ihre Stellung hervor. Immer wieder aber mussten sie sich, erst von Johannes dem Täufer und dann von Jesus selbst herbe Kritik gefallen lassen. Sie waren nicht diejenigen, die sie zu sein vorgaben. Deshalb verfolgten sie Jesus. Johannes hatte ja Herodes schon beseitigt. Als nun die Zeit gekommen war, ließ Jesus es geschehen, wie er es zuvor angekündigt hatte (Joh. 10:18). Trotz der theologischen Notwendigkeit der Kreuzigung aber, könnten wir von diesem Akt tatsächlich auch von einem derartigen Ehrenmord sprechen, dem Jesus zum Opfer gefallen war. Sie meinten einfach das Recht zu haben, sich gegen Jesus zur Wehr zu setzen.

Aber worum ging es überhaupt? Es ging um die Erfüllung einer sehr alten Weissagung durch Jesaja. Auf vielfältige Art und Weise hatte sich Gott dem Volk Israel gegenüber loyal gezeigt. Er hatte es immer wieder errettet und beschützt. Trotz des vielfachen Bundesbruches war Israel wiederholt zur Hochblüte vorgedrungen, die es unter der Bedrängnis der verschiedensten Großmächte als kleines Land nie und nimmer ohne seine Hilfe erreicht hätte. Doch als Jesaja darauf aufmerksam machte, da musste er sich eingestehen dass niemand bereit war, dies zu glauben. Man tat so, als wäre das selbstverständlich und alles auch ein Verdienst des Volkes und seiner Führer. Das Volk war stolz geworden und sah keine Notwendigkeit zur Buße und Kurskorrektur. Das Volk hatte die Fähigkeit verloren sich vor Gott zu beugen, ihm die Ehre zu geben und nach seinem Willen zu fragen. Alle die Wunder die es in seiner Geschichte erlebt hatte, waren nicht geeignet es zur Umkehr zu bewegen.

Und zur Zeit Jesus war es wieder, vielleicht im gewissen Sinn immer noch so. Die Wunder die Jesus tat führten auch nicht zu einer massenhaften Bekehrung von Menschen, geschweige denn einer einmütigen Neuhinwendung zu Gott und seinem Wort. Deshalb glaube ich auch nicht an Wunder. Nein, nicht so wie mir das mancher Charismatiker unterstellen wollte, dass ich nicht an die Fähigkeit oder auch die Absicht Gottes heute noch Wunder zu tun, glauben würde. Ich glaube aber in dem Sinn nicht an Wunder, als ich sie auch heute für ein inadäquates Mittel halte, glauben zu fördern. Auch an vielen anderen Stellen in den Evangelien ließe sich das feststellen. Wunder waren zwar nötig, sie waren für Jesus und seine Apostel Legitimation und Ausweis ihrer Berechtigung im Namen Gottes zu sprechen. Jesus sprach im Namen des Vaters und der Vater ehrte ihn durch die Wunder. Das hätte genügen müssen um aller Welt die Notwendigkeit der Nachfolge Jesu zu verdeutlichen. Es genügte aber nicht. Denn die Ehre des Sohnes stand gegen die Ehre derer die ihren Irrtum verteidigten.

Und damit sind wir beim Punkt. Die Ehre wird zur Chimäre, wenn sie sich nicht der Ehre Gottes unterstellt und beugt. Nicht das was Jesus sagte war wichtig, sondern das was die Einflussreichen Führer des Volkes sagten und taten. Ihnen galt es zu folgen, wenn man Erfolg haben wollte. Wer Jesus nachfolgte, würde sich gegen diese stellen und war in Gefahr. Wie vor ihnen schon oft und auch seither immer wieder, gelang es einer Gesellschaft, einen Ehrbegriff zu generieren, der sich zur Chimäre entwickelte, jenem imaginären Monster, vor dem alle Angst haben und mit dem sich keiner anlegen will. Dieses System der Angst speiste sich ebenfalls aus einem Beziehungsgeflecht der Vorteilsnahme und Vorteilsgewährung bei Willfährigkeit, sodass jegliche grundsätzliche Diskussion um den Wahrheitsbegriff unmöglich gemacht wurde. Wobei das noch nicht einmal rein materiell zu verstehen ist. Es reicht schon, wenn es um Anerkennung geht, still zu halten und niemanden zu in Frage zu stellen. Jesus hatte dies klar gesehen und die Frage gestellt:

Joh. 5:44 Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander nehmt und die Ehre von dem alleinigen Gott nicht sucht?

 

Wie viele Wunder haben wir gesehen? Ich meine das jetzt nicht in einem persönlich Sinne, sondern geschichtlich. Wir, pagane Abkömmlinge, die wir uns dafür halten, anders als das jüdische Volk den Messias erkannt zu haben, wie viele Wunder sind uns berichtet, die wir glauben. In der Bibel alleine sehr viele. Dazu komme noch viele Berichte aus der Missionsgeschichte, die wir glauben können oder auch nicht, jedenfalls ist es gewiss, dass wenn Gott etwas tat, dies immer zumindest ans wunderbare grenzte. Wie viel wissen wir davon und wie beeinflusst es unseren Glauben?

Wenn ich Jesaja richtig verstehe, so war es das Schicksal Israels, durch die vielen Wunder die geschehen waren und die das Volk nicht fromm machten und es nicht vom sündigen abhielten, in einer Art Negativreaktion verstockt zu werden. Das Wunder war nur mehr eine Sensation. Niemand mehr fiel mit dem Angesicht zur Erde und bedeckte sich aus Scham über seine Sünde. »Geh weg von mir Herr Jesus, denn ich bin ein sündiger Mensch«, diesen Ausspruch des Petrus, als die Netze beim wundersamen Fischfang zerrissen, bekam der Herr nicht sehr oft zu hören. War es nicht die Befangenheit in einem falschen Ehrgefühl? Was war es dann? Warum folgten sie ihm nicht nach, ihrem Messias, auf den sie so lange gewartet hatten?

Die Chimäre mit der Ehre ist keine Realität, sie ist eine Lüge, gleichwohl besitzt sie reale Gewalt Menschen von der Nachfolge abzuhalten. Das ist auch heute noch so. Wie befangen sind wir eigentlich. Kann nicht auch uns nach zweitausend Jahren eine Verstockung betreffen die nicht einmal ein Wunder aufzulösen in der Lage ist? Ich meine, dass es bereits so ist. Jeder von uns ist in der Gefahr, wenn er sich nicht aktiv wehrt gegen jeglichen Eigendünkel und volle Demut walten lässt. Wobei Demut keineswegs bedeutet, stille zu halten und die Wahrheitsfrage nicht anzusprechen. Denn das hätte nichts mit Demut zu tun, sondern wäre geradezu die Kapitulation vor der Chimäre. Die Wahrheitsfrage muss gestellt werden auf allen Ebenen, auch wenn das unbequem ist. So hat das Jesus auch getan. Wenn wir aber die Wahrheitsfrage stellen, dann in dem Bewusstsein, dass niemand die Wahrheit ganz in sich trägt, als allein Jesus Christus unser Herr. Aber wie sehr sind doch unsere Diskussionen und jeglicher Meinungsaustausch geprägt vom ehrgeizigen Statement, das sich selbst die Weisheit zuspricht und den anderen gerne zum Schüler degradiert. Jeder will Lehrer sein, aber keiner Schüler. In gewisser Weise ist das ja auch rechtens, denn die Bibel allein ist unser Lehrbuch und niemand hat etwas ergänzend dazu beizutragen. Doch andererseits, werden wir die Wahrheit nicht erkennen, die uns frei macht, wenn wir daran festhalten, den anderen belehren zu wollen und uns selbst jeglicher Belehrung zu entziehen.

Jesus hat ja die Juden nicht nur kritisiert, sondern er hat diejenigen die an ihn glaubten auch deutlich genug gebrieft, damit sie jederzeit in der Lage wären, die Wahrheit zu erkennen.

Joh. 8:32: Da sprach Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger,
und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen!

In seinen Worten bleiben und zwar gemeinsam. Das ist das Geheimnis, das uns bewahren kann und frei machen kann. Aber haben wir wirklich eine Kultur des Austausches in unseren Gemeinden, die rund um das Wort Gottes gelagert, sich gegenseitig ergänzend, eine freimachende Wahrheit zu Tage fördert, an der man sich orientieren kann? Ich stelle in vermehrten Maße fest, dass uns das abhanden kommt. Wir haben ein Kultur der Predigt entwickelt, die weitgehend frei davon ist, verbindliche lehrmäßige Inhalte zu entwickeln. Zuerst geschah das im dogmatischen Bereich, wo es schon längst üblich ist, nichts mehr in Frage zu stellen. Doch auch im ethischen Bereich macht sich dieser Relativismus zunehmend breit und fordert, im Sinne eines Minimalkonsenses das gemeinsame Anliegen über die tatsächliche Wahrheit zu stellen, von der man ja ohnehin nichts sicheres wissen könne und wer es doch versuche gefährde den Frieden. Entsprechende Statements erfolgen nicht ohne demütigen Unterton. In Wirklichkeit irren wir uns. Denn wenn wir nicht gemeinsam zur Wahrheit durchdringen, wird es auch keine Freiheit geben. Keine Freiheit auch vor der Macht der Chimäre, den die eigene Ehre oder die Ehre der anderen wird ja wieder über die Ehre Gottes gestellt.

 

 

 

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